OB-Wahl: Narrenfreiheit für die Redner

Mainz - Die Fastnacht 2012 wird einzigartig: Einen parallel zur Kampagne laufenden Wahlkampf ums Oberbürgermeisteramt gab es in Mainz bisher noch nicht.

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    Fastnachter und OB-Kandidaten: Michael Ebling (oben) nimmt eine Auszeit,...

    (Foto: p)
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    ...Günter Beck macht weiter.

    (Foto: Rüdiger Mosler)

Den Protokollern und politischen Rednern könnte das ideale Munition für hintergründige verbale Schläge, politisch-literarische Analysen und Spitzen aus der Bütt liefern. "Wir werden an dem Thema nicht vorbeikommen", hört man aus Rednerkreisen. Das könnte spannend werden, auch mit Blick auf die Kandidaten selbst.

Inwiefern darf, soll sich die politisch-literarische Mainzer Fastnacht aber vor einen Wahlkampfkarren spannen lassen? Jedem Redner sei es überlassen, ob und wie er auf den Wahlkampf in seinem Vortrag eingeht, sind sich die Korporationsoberen einig. "Ich habe als Nichtaktiver und Präsident eine gewisse Neutralität", sagt Richard Wagner, Chef des Mainzer Carneval-Vereins (MCV). Irgendwelche Vorgaben, den Wahlkampf aus Vorträgen herauszuhalten, gebe es keine.

Ebenso wenig beim Karneval-Club Kastel (KCK). Für Chef Ludwig Hirsch zählt nur die Menschenwürde. "Jeder Redner hat eine Gesinnung. Aber nur mit Stil und Fingerspitzengefühl kann man jedem die Leviten lesen." Wie, sei jedem selbst überlassen.

Während SPD-Mann Michael Ebling auf seine Auftritte als Protokoller bei den Mombacher Bohnebeiteln verzichtet (wir berichteten), um nicht in den Verdacht des Bütten-Wahlkampfs in eigener Sache zu geraten, will sich Grünen-Hoffnungsträger Günter Beck als "Drecksack" auf der närrischen Bühne treu bleiben. Ebling hatte auch während seiner Zeit als Sozialdezernent auf närrische Auftritte verzichtet.

Heinz Meller, Chef der Mombacher Bohnebeitel, findet Eblings Entscheidung klug: "Die Bohnebeitel sollen keine Wahlkampfplattform sein." Ob Ebling seine Kandidatur in der Bütt zur Sprache gebracht hätte oder nicht, es wäre ein Fehler, ein Makel geworden. Wenn Beck auf der närrischen Bühne agiere, sei das seine Sache. "Aber wenn das keine freien Entscheidungen mehr wären, bräuchten wir auch keine Fassenacht mehr zu machen", sagt Meller. Charakteristikum des Narren sei es, nach allen Seiten auszuteilen, so es denn Anlass dazu gäbe. Einen "Ersatz"-Protokoller werde es bei den Bohnebeiteln 2012 übrigens nicht geben.

Die Fastnacht habe mit dem OB-Wahlkampf nichts zu tun, sagt Klaus Hafner, Chef des Carneval-Clubs Weisenau (CCW), wo CDU-Kandidat Lukas Augustin Mitglied im Großen Rat ist. "Als CDU-Stadtratsmitglied ist Augustin mein Favorit, aber ich würde als CCW-Präsident nie sagen: Der Verein drückt ihm die Daumen." Hafner hätte auch kein Problem damit, wenn Ebling wieder in die Bütt steigen würde. "Er ist ja nicht plötzlich Protokoller geworden, bloß weil er jetzt OB-Kandidat ist."

Auch für Horst Seitz, Chef des Mainzer Carneval-Clubs (MCC), der bei der Prinzengarde das Protokoll hält, muss die Fastnacht neutral bleiben. "Man kann nicht in die Bütt steigen und einen Kandidaten favorisieren." Das Protokoll sei naturgemäß mehr Rück- als Ausblick. Deshalb werde "das Ende unseres letzten Oberbürgermeisters" sein großes Thema sein, nicht der Wahlkampf um dessen Nachfolge. "Da sind ja Dinge passiert, die man sich nicht entgehen lassen kann. Eine wahre Freude für den Narren. "

Die politischen Vorträge sind zum Jahreswechsel ohnehin noch nicht fertig, teils noch nicht einmal begonnen. Seitz: "Ich glaube, wir sind da alle miteinander sehr spät dran." Bereits am zweiten Januar-Wochenende steigen die ersten Sitzungen.

Von unserem Redakteur Jochen Dietz

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