Mainz - Das Team um MCV-Motivwagenbauer Dieter Wenger ist nicht nur kreativ, sondern auch flexibel. Auf den allerletzten Drücker gestaltete es doch noch einen Motivwagen zum Thema Bundespräsident Christian Wulff: Angeschlagen mit Veilchen sitzt der in der Ecke eines Boxrings.
„Wenn er doch noch vor Rosenmontag zurücktritt, wird er ganz flach in den Ring gelegt: K.O. Dazu haben wir eigens Scharniere eingebaut, um die Figur beweglich zu halten“, lacht Wenger. Kay-Uwe Schreiber von der Zugleitung augenzwinkernd: „Wir haben eine E-Mail ins Bundespräsidialamt geschickt, der Bundespräsident möge sich noch bis nach Rosenmontag mit dem Rücktritt gedulden.“
Noch ist nicht alles fertig
15 Motivwagen stellte der Mainzer Carneval-Verein am Dienstag vor. Lokales, Regionales, Bundes- und Euro-Politisches in Styropor, Farbe, Gips und Sperrholz. MRZ-Karikaturist Klaus Wilinski war wieder für die Entwürfe der rollenden, dreidimensionalen Karikaturen-Ideen verantwortlich. Wie immer sei noch nicht alles fertig, sagt Wenger, der auch seinen 72. Geburtstag wieder in der Mombacher Wagenhalle des MCV hatte feiern müssen.
Mit Hochdruck wird noch gesägt, gebohrt, geklebt und gepinselt. Und zwar nachhaltig: Der Kurt-Beck-Kopf vom vergangenen Jahr wird auch beim 2012er-Umzug wieder verwendet. Diesmal als „beleidigte Lewwerworscht“ und Kaiserslautern-Fan bei der 05-Stadioneinweihung.
Aber auch die Themen Fluglärm, OB-Wahlkampf oder „Wutbürger“ finden ihren Niederschlag in den drolligen, überlebensgroßen Figuren. Günter Beck, Michael Ebling und Lukas Augustin zerren als kölsches Dreigestirn an der Amtskette des Oberbürgermeisters. Frei nach dem Wilhelm-Busch-Motiv der Käfer, die Max und Moritz in Onkel Fritz' Bett krabbeln lassen, nerven ebenso aufgereiht die Tiefflieger den schlafenden Mainzer. „Das Thema Fluglärm auf unseren Motivwagen spricht mir aus der Seele“, freut sich MCV-Präsident Richard Wagner, selbst vom Düsenkrach gequält.
Hommage an die Mainzer Ranzengarde
Vermutlich ein letztes Mal wird Ex-OB Jens Beutel Gegenstand eines Motivwagens sein: wie er vor dem Rathaus über drei Gläser Wein zu viel stolpert, die ihn schließlich das Amt kosten. Eine liebevolle Hommage gibt es an die 175-jährige Mainzer Ranzengarde. Da sitzt Generalfeldmarschall Johannes Gerster – übrigens absolut naturgetreu getroffen – überlebensgroß auf dem Wagen und hat ein kleines Prinzenpärchen auf seinem Schoß ganz doll lieb.
Bundes- und Europolitik sind natürlich auch Thema. Schlimme Bankert, die da Standard & Poor's & Co. heißen, zerballern mit Steinschleudern als „Eurofighter“ das Euro-Symbol der Europäischen Zentralbank mit der Börse im Hintergrund. Oder ein Philipp Rösler der unter dem Motto FDP: Tote Hose in einer viel zu großen Hose auf einer Wäscheleine Hängend versinkt.
Und Kanzlerin Angela Merkel verteilt in ihrem Schirmladen grimmigen Blicks „Rettungsschirme“ an einen Griechen, einen Spanier und einen Portugiesen. Das Lachen im Halse stecken bleiben könnte dem Betrachter beim „V-Mann“-Motiv: Vor dem Hintergrund der Nazi-Morde stehen da drei finstere V-Mann-Gestalten, die nach dem Vorbild der drei Affen blind, taub und stumm sind. Wenger: „Auch hier sind wir topaktuell, gerade nachdem 'Döner-Morde' zum Unwort des Jahres gekürt wurde.“ Beim „Wutbürger“ findet Friederich, der arge Wüterich nach Hoffmanns Struwwelpeter Verwendung. Und der drischt auf Windräder, Stuttgart 21 und Flughafenausbau ein...
Jochen Dietz
Hinweis: Die Motivwagen sind bereits am Sonntag, 19. Februar, ab 13.11 Uhr in der Ludwigsstraße zu bestaunen.