Koblenz - Man stelle sich vor: Die Rhein-Mosel-Halle ist fertig, aber alle wollen lieber im Zelt weiterfeiern. Wer die Inthronisation der neuen Tollitäten am Samstag erlebte, würde sich über ein solches Szenario überhaupt nicht wundern. Was die Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval (AKK) gemeinsam mit ihren Vereinen, den Messebauern und nicht zuletzt mit den Akteuren auf die Beine gestellt hatten, verdient Respekt und große Anerkennung.
Ein Zelt wie eine Festhalle, ein großzügiges Foyer, saubere mobile sanitäre Anlagen und moderne Bühnentechnik waren der Rahmen für einen fast perfekten Abend, der zu Beginn nur durch die Tücken der drahtlosen Beschallungsanlage getrübt wurde. "Opfer" war Lutz Kniep, der sich aber nicht aus der Ruhe bringen ließ. Routiniert meisterte der Trompeter seine Musikshow zum Auftakt, die übrigens mit spektakulären Laser-Effekten gewürzt war. Altstadtsilhouette, digitale Vögel und das neue Wappen der AKK: alles wurde wie von Geisterhand in den Raum gezaubert. Die Szenerie hatte einen hohen Symbolwert - die Koblenzer Narren halten an ihrem Kurs fest, alte Zöpfe abzuschneiden, ohne ihre Traditionen zu vergessen. Dabei zeigten vor allem die Rheinfreunde, wie närrische Brücken gebaut werden. Die älteste Koblenzer Karnevalskorporation feierte in "ihrer" Prinzensession nach Maß.
Die Neuendorfer zeigten, dass sie ein prächtig funktionierendes Kollektiv bilden können. Prinz Stefan von Fuge & Musik und seine Confluentia Daniela werden von sämtlichen örtliche Vereinen getragen. So etwas gibt es eben nur noch in den Stadtteilen. Mit ihrem imposanten Auftritt setzten die Neuendorfer einen Kontrapunkt zur Session 2011, in der die "Buga-Tollitäten" Udo Eulgem und Susi Elmers die Messlatte fast unerreichbar hoch zu legen schienen. Die neuen Regenten machten bei ihrer Amtseinführung nicht den Fehler, anderen nacheifern zu wollen. Sie gehen ihren eigenen Weg, wobei vor allem der Prinz Mut zur Bescheidenheit hat und einfach zugab, richtig aufgeregt zu sein. "Zu Hause habe ich noch gewusst, was ich sagen wollte ..." bekannte der Fliesenlegermeister, der nur wenig später einen umjubelten Auftritt hinlegte. Begleitet von der The Crossed Swords Pipe Band präsentierte der Prinz seine Hymne für "seinen" Heimatstadtteil. Das Lied mit Dudelsackbegleitung war etwas fürs Herz und - genau das wollen Narren in rauen Zeiten hören.
Aber die Rheinfreunde können auch anders. Schwungvoll ging es mit der Russlandreise der vereinseigenen tanzenden Hexen weiter, wobei spätestens zu diesem Zeitpunkt deutlich wurde: Die AKK prüft sorgfältig, wen sie auf die Bühne lässt. Auch wenn der souveräne Präsident Franz-Josef Möhlich am Rande der Veranstaltung bemerkte, dass dies alles für die Akteure immer noch ein Hobby sei, wurde bereits bei der ersten Gardeshow der AKK-Mariechen deutlich, dass die Anforderungen hoch sind. Das bestätigte auch Melina Möhlich, die wohl beste junge Rednerin im Koblenzer Karneval. Mit viel Situationskomik berichtete die Gülserin vom "Casting" im Kehlturm von Fort Konstantin, das sie gewann. Nach dem rhetorisch sehr gelungenen Vortrag betonte Vizepräsident Heinz Kölsch, dass ihr Vater, der Präsident, nicht an der Auswahl beteiligt war.
Indirekt zeigte das "Casting" aber auch, dass ein altes Problem in der närrischen Bütt an Schärfe gewonnen hat: die Vereine haben nicht nur ein Generations-, sondern auch ein Qualitätsproblem - und das bei steigenden Ansprüchen des Publikums. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Bühne zunehmend denen gehört, für die Humor kein Hobby, sondern eine Berufung ist. Und genau deshalb ist ein Auftritt der "Rentner ohne Grenzen" Willi & Ernst mittlerweile fest eingeplant. Dem Publikum gefiel's, für viele war die Einlage der Höhepunkt des Abends. Andere hatten dagegen beim Aufritt von Thomas Flöck ihren Spaß. Der Layer Heimatfreund zeigte als "Ballerina" in der "Wirbelknackersuite" einmal mehr rednerisches und schauspielerisches Talent. Kurzum: Der Abend zeigte, dass der oft kritisierte Koblenzer Karneval durchaus die Kraft hat, sich immer wieder neu zu erfinden.
Von unserem Redakteur Reinhard Kallenbach