Ausnüchterungszentrale war in Mainz wegen Überfüllung dicht

Mainz - Polizei und Rettunsdienste waren am Rosenmontag in Mainz im Dauereinsatz. 800 Polizisten und 300 Bundespolizisten versuchten, die rund 500.000 Feierwütigen im Zaum zu halten. Alkoholpatienten mussten die Rettungskräfte mehr versorgen als im Vorjahr.

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    Viel zu tun hatte die Polizei, um die überall aufkeimenden Aggressionen im Keim zu ersticken, wie hier am Münsterplatz.

    (Foto: Andreas Nöthen)
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    Ohne Hilfe der Sanis ging für diesen jungen Mann nichts mehr.

    (Foto: Andreas Nöthen)

Kurz nach 16 Uhr: Sechs Polizisten bahnen sich im Laufschritt einen Weg durch die Menge, Richtung Münsterplatz. Kurze Rücksprache mit den Kollegen vor Ort. Danach zielstrebig auf ein diskutierendes Grüppchen junger Erwachsener zu. Ein Respekt einflößender Rempler, und die Gruppe geht auseinander. Was nun folgt ist vor allem eins: Klare Fronten schaffen aber trotzdem deeskalierend einwirken. Was in dieser Situation auch gelingt.

Es ist eine Situation von vielen am Rosenmontag in Mainz. Wo viel getrunken wird, kocht das Gemüt hoch, geraten Hitzköpfe aneinander, aus nichtigen Gründen - und mit fortschreitender Dauer in Richtung Abend immer häufiger. "Im Moment kommen wir nicht dazu, die einzelnen Vorkommnisse zu zählen", sagt Polizeisprecher Rene Nauheimer am späten Nachmittag auf Nachfrage. Bis 19 Uhr hatte die Polizei 107 Platzverweise erteilt, 33 Körperverletzungen registriert. Und die Nacht war noch jung.

Zug musste Notbremsen

Unterm Strich wenig Spektakuläres - "wie jedes Jahr". Das bedeutet in harten Zahlen: 800 Polizisten und 300 Bundespolizisten versuchten, die rund 500.000 Feierwütigen im Zaum zu halten.

Und die hatten vom Morgen an zu tun. Schon um 10 Uhr gab es Ärger, als 15 bis 20 Personen ein Zugabteil verwüsteten. Apropos Zug: Gegen 16 Uhr stritten sich zwei Jugendliche am Südbahnhof so sehr, dass einer im Gleisbett landete. Ein einfahrender Zug musste Notbremsen. Folge des Vorfalls: Die nachfolgenden Züge verspäteten sich leicht. 544 minderjährige Jugendliche mussten sich kontrollieren lassen. Bei 174 fanden die Polizisten Alkohol oder Zigaretten. Insgesamt mussten die Kontrollierten 120 Liter alkoholische Getränke abgeben, die in den Gully flossen.

Dorthin floss natürlich nur der kleinste Teil - das meiste rann durch die Kehlen: "Früher als erwartet" ging es für die DRK-Helfer am Institut Francais "zur Sache". Schon gegen Mittag herrschte Hochbetrieb. Einsatzleiter Markus Mayerhofer: "Wir wurden eines Besseren belehrt". Dagegen herrschte bei den Johannitern, die in der Martinusschule ihr Lager eingerichtet hatten, noch um 14 Uhr ein angenehm entspanntes Umfeld. "Über die Jahre ist es hier ruhiger geworden", freut sich Axel Ostertag, der den Einsatz der 120 Johanniter an vier Hilfsstellen leitet.

Lage entspannt sich am Abend

"Punktuell sind die Hilfskräfte an Kapazitätsgrenzen angelangt", sagt der Leitende Notarzt Dr. Rüdiger Noppens kurz vor 16 Uhr. Einsatzschwerpunkte sind am "Porter House" (Große Langgasse) und am Fort Malakoff (Rheinstraße). Dorthin werden flugs zusätzliche Hilfskräfte delegiert. Schon gegen halb fünf ist auch die Uniklinik kurzzeitig "ausgereizt". Die Rettungsleitstelle meldet, dass die eigens als Zwischenpuffer geschaffenen Ausnüchterungskapazitäten erschöpft sind. Leitstellenleiter Hans-Jörg Kappaun: "Wenn das so früh losgeht, ist nicht auszuschließen, dass wir bald Kliniken im Umland anfahren müssen." Wegen der langen Fahrtzeiten wolle man das aber vermeiden. Deshalb verbleiben krankenhausreife Alkoholpatienten teils auch in den Hilfslagern an der Zugstrecke.

Weil in der zentralen Ausnüchterungsstelle in der Uniklinik die Zahl der Feldbetten erhöht wird, entspannt sich die Lage nach Sonnenuntergang sehr bald wieder, informiert Notarzt Dr. Noppens auf Anfrage gegen 18.30 Uhr. Vier Ärzte kümmern sich jetzt um die Patienten.

Die "erste Alkoholspitze" kurz nach Zugende (17 Uhr) schlägt sich in der Arbeit der 500 Hilfskräfte von DKR, ASB, Maltesern und Johannitern mit 268 Hilfeleistungen und 42 Krankenhaustransporten nieder. "Tendenziell mehr als in den vergangenen Jahren", bilanziert Einsatzleiter Matthias Hirsch, der "immer wieder beeindruckt ist" von der schieren Masse der Alkoholpatienten. Sie stellten über die Hälfte der Hilfebedürftigen. Auch die Kopf- und Schnittverletzungen, seien überwiegend alkoholbedingt. "Ob das Glasverbot was gebracht hat, müssen wir noch auswerten", sagt Hirsch. Die chirurgischen Klinikabteilungen hatten zwar alle Hände voll zu tun, zumindest scheint es aber keine erhöhten Fallzahlen zu geben. In einem besonders schweren Fall ging's freilich nicht um Glas: Am Fort Malakoff war ein Messer im Spiel.

Von Armin Seibert und Andreas Nöthen

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