Wissen - Da bleibt noch Luft nach oben, wie es so schön heißt: Erstmals wagte sich die alternative Karnevalssitzung „Newer där Kapp“ aus ihrer Keimzelle in Neitersen heraus und musste im Wissener Kulturwerk feststellen, dass es nicht leicht ist, ein größeres Publikum für das närrische Treiben jenseits von Garde und Orden zu begeistern. Doch auch wenn viele Stühle leer und die große Halle etwas kühl blieben, überzeugte die jecke Mischung mit charmanter Frechheit, politischen Wahrheiten, kunstvollen Beiträgen und rockiger Livemusik.
Seit den Anfängen 1986 bezieht dieser alternative Karneval seine Stärke und Anziehungskraft daraus, dass es immer wieder gelingt, kreative Jecken aus dem Westerwald auf die Bühne zu holen. Nicht umsonst hält sich seit Jahren der Vergleich mit der berühmten Kölner Stunksitzung. In dieser Session zielten die satirischen Pfeile der Kappengeister um Organisator Markus Mürset (alias Bruno Egli) und Präsident Ulli Gondorf in erster Linie auf das liebe Geld. Kreativ wurde die Eurokrise zu Ende gedacht, und plötzlich fanden sich die närrischen Gäste mittendrin in einem finanzpolitischen Experiment: der Westerwald als eurofreie Zone. Als Ersatzwährung kursierte der Wäller. Filmbeiträge aus dem Brennpunkt-Studio Altenkirchen machten die dramatischen Folgen dieses monetären Befreiungsschlages deutlich – vom abgestellten Strom bis zum Verkauf des Netzes.
Mit Milliardären, die kaum oder wenig Steuern zahlen, befassten sich auch die Kabarettistinnen Karin Zimmermann und Elke Latsch. Und der Sparstrumpf verrät, woher das Wort Bürger kommt: von bürgen. Kurzum, die Krise packt jeden. Da wird das etwas sperrige Sitzungsmotto „Rock'n'Rolex...bei Gnadenhofbrötchen“ mehr als verständlich.
Ein Millionengeschäft witterten auch Wolfgang Conzendorf und Ralf Supenkämper (Gondorf: „Zwei Naturtalente aus dem Wiedtal“). Ihre Masche, aus unbezahlten Kneipendeckeln ein begehrtes Finanzprodukt zu machen, dürfte der Wirklichkeit skrupelloser Banker ziemlich nahe kommen. Trotz all der SSOs (Suff-Sammel-Obligationen) und DGZs (Delirium-Garantie-Zertifikate) behielten die beiden den Überblick, wussten, dass das Wort Ratingagentur von „raten“ kommt, und das Angelas Rettungsschirm letztlich nur ein kleiner Knirps ist.
Als Gegengewicht zu den satirisch-skeptischen Krisenanalysten geizten die Kappengeister nicht mit wunderbar unterhaltsamen Beiträgen. Zum Beispiel die fünf Schabernack-Sänger mit ihrem Kölschen Zungenschlag, oder die famose Band der „SchotterSteinKappenGeister“ mit Sängerin Karen Cop-land. Unvergleichlich auch das Dreigestirn mit Sexgott Wolfgang als Jungfrau, Atomprinzessin Angela und Biobaggerbauer Bert. Nicht zu vergessen Bruno Egli und Heiko Reifenberg. Deren Lieder setzen auf eigene Texte und Tiefgang. So bekommt Lyrisches und Nachdenkliches auch im angeblich oberflächlichen Karneval seinen Platz. Songs wie „Auf Kredit“ oder „Jetzt ist die Zeit“ klagen an, rütteln auf – und wurden vom jecken Publikum mit viel Applaus bedacht. Den gleichen Lohn verdiente sich Paul Schröder (11), der mit seiner Michael Jackson-Performance an den Erfolg des Vorjahres anknüpfte. Aus deutsch-türkischer Sicht entblößte Necip Tokoglu, Kabarettist aus Aachen, aufgewachsen in Ransbach-Baumbach, so manche Lächerlichkeit der Deutschen („recht haben“). Eine „echte Entdeckung“, möchte man Ulli Gondorf zustimmen, und hoffen, dass Tokoglu auch 2013 wieder dabei ist.
Unter den Gästen im kühlen Kulturwerk weilte auch hoher politischer Besuch: Die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke, verkleidet als grüne Freiheitsstatue, kennt viele der Akteure und mag diesen alternativen Karneval nach eigenem Bekunden sehr: „Das ist politischer, nachdenklicher als anderswo.“ Und dass die Politiker hier eins auf die Mütze kriegen? „Das muss so sein“, schmunzelt Lemke. Gleiches gilt für den anschließenden Tanzspaß zu heißer Rockmusik, auch der gehört zwingend zu „Newer där Kapp“. elm